Latinale académica erklärt

Latinale.académica entstand im Jahr 2012 als Unterprojekt des internationalen Berliner Poesiefestivals Latinale: als poetisches Bildungsprojekt und Plattform für poetisches Denken. Im größeren Publikumsformat trat latinale.académica erstmalig 2023 im Rahmen des I Congreso de Humanidades ecológicas an der UAM in Madrid auf. Latinale.académica 2024 stellt die Begriffe inteligencia artesanal & inteligencia artificial gegenüber und bringt diese ins (hispano- und anglophone) Sprach- und Filmlabor.

Der Startpunkt der Latinale.académica 2024 liegt in Niedersachsen. Im Museum Industriekultur Osnabrück (MIK) wird die Premiere des New Yorker Lorca-Poetryfilms “No he venido a ver el cielo” (2023) der argentinischen Filmemacherin Lena Szankay gefeiert, die wiederum in Göttingen mit der deutsch-chilenischen Dichterin Carla Cerda Workshops zu poetischen Schaltkreisen und Loops abhält.

Das Bildungsprojekts latinale.académica und das Literarische Zentrum machen am Dienstag, den 25. Juni gemeinsame Sachen und veranstalten einen Tag im Zeichen der »poetischen Intelligenz« als Gegenstück zur gerade überall diskutierten KI.

Von 12 Uhr bis 15:30 Uhr veranstalten die argentinische Film- und Fotokünstlerin Lena Szankay, die deutsch-chilenische Dichterin Carla Cerda und die Literaturwissenschaftlerin und Übersetzerin Rike Bolte den Workshop »ARTificial Code«: Mit Hilfe von unterschiedlichen filmischen und poetischen Verfahren nähern wir uns darin der Form des »Loops« an und gehen gemeinsam der Frage nach: Mit welchen Maschinen und Modellen kann poetische Intelligenz kooperieren? Der Workshop wird auf Deutsch, Englisch und Spanisch stattfinden und ist für alle Interessierten offen. 
Der Eintritt ist frei, eine Anmeldung ist ab sofort per Mail möglich unter anmeldung@lit-zentrum-goe.de.

Um 19 Uhr geben beide Künstlerinnen Einblicke in ihre Arbeit:  Lena Szankay zeigt ihren Film »NO HE VENIDO A VER EL CIELO«, der den andalusischen Dichter Federico García Lorca in die Labore der Moderne begleitet und Fragen nach Körper, Sprache und künstlicher Intelligenz aufgreift. Der Film feiert im Rahmen der latinale.académica seine Deutschlandpremiere. Die Autorin  Carla Cerda liest aus ihrem Gedichtband »Loops« (2020) – ein Sprach-Denk-Fühl-Schaltkreis, in dem auf poetische Weise mit Alltags-, Wissenschafts- und Kunst-Codes operiert wird.

Studierende der Universität Göttingen präsentieren eigene Loop-Übersetzungen aus dem Deutschen ins Spanische und moderieren. 

Tickets: VVK 7/11 €, AK 8/12 €, Studierende mit Kulturticket haben an der Abendkasse freien Eintritt.

Literarisches Zentrum Göttingen e.V.

Nikolaistraße 22

D-37073 Göttingen

T: +49-551-49 56 823

Unsere Studierende & ihre Erfahrungen im Übersetzungsprozess

Maureen

Carla Cerdas Loop1 – ein Werk,das es nicht nur technisch in sich hat. Ich erinnere mich nur zu gut an diesen verschneiten Dezembertag, an dem wir uns das erste Mal trafen und uns vollkommen in den Breitengraden der Texte verloren. Besonders spannend empfand ich die Auseinandersetzung mit einem mir zunächst völlig fremden, sprachlich verdichteten poetischen Werk, was unsere Körpertemperaturen rasch anstiegen ließ und unsere Köpfe zum Rauchen brachte. Die sprachlichen Besonderheiten des Originals verlangten dabei viel lyrisches Feingefühl bei der Übersetzung, wobei meine Kreativität entfacht wurde.Es war zudem etwas ganz Besonderes, wie viel Freiraum und Verantwortung uns bei dem Übersetzungsprozess überlassen wurde.

Nell

Während mich bis jetzt vor allem Liebesgedichte in ihren Bann gezogen haben, beschäftigten wir uns nun plötzlich mit Körpertemperaturen, Flüssen, dem Klimawandel, der Börse und Aktienkursen, Technikund derTiefsee. Carla Cerdas Art durch die Umgebungen, Texturen und Zustände zu springen, mal staccatoartig – Sonne und Wind, Tränengas, Zitronen und Natron –mal gemächlich langsam gleitend mit demAufzug Richtung Meeresboden, hat neugierig gemacht und Lust sich dieser Wucht zu stellen. So haben wir an dem ein und anderen Wintertag gemeinsam ganz nebenbei unser Allgemeinwissen aufgefrischt als wir zwischen googeln von BITCoder SQM, Sor Juana oder dem Río Aconcagua versucht haben die „Loops“ Stück für Stück zu dechiffrieren. Loopartig sind wir durch die Übersetzungsarbeit gekreiselt, haben mehrere Runden gedreht, an den Ausdrücken geschraubt und gefeilt bis unsere Köpfe rauchten, bis wir nicht mehr anders konnten als unsere „alternativlose[n] Gedicht[e] in realtime body temp 14:0336,43°C d.h. in den warm cavities unter dem Aufzug zu speichern“.

Moritz

Kopf über! So fühlte ich mich, als ich zum ersten Mal „Loops“ von Carla Cerdalas. Schnell entwickelte sich eine Faszination für die überladene Zeichenhaftigkeit, welche wie ein Labyrinth wirkte. Besonders bereichernd war für mich das Übersetzen mit Rike Bolte, die uns den Weg wies. Mit Mate und Lebkuchen entwickelte sich eine Dynamik, welche die Verwirrung und den ständigen Drang nach Interpretation der Gedichte weniger überfordernd machte. So viele Informationen und doch kein Wissen. Wir stellten uns gemeinsam den Feinheiten, welche so oft den Unterschied machen. So lernten wir die digitale Sprache Carla Cerdas. Es war mir eine große Freude, diesen mir neuen Teil der Poesie übersetzen und dabei supervisorische Aufgaben übernehmen zu dürfen.

Merle

Loopig war es auf jeden Fall. Nach ein paar Mal Lesen wurde es langsam zu einem Loop. Der Interpretationsraum beim Lesen wurde zum Spielraum beim Übersetzen. Vom ersten Stock in den zweiten. Von oben nach unten, von links nach rechts und dann vielleicht wieder nach oben, aber etwas anderes daraus machen. Ein Gefühl der Dankbarkeit begleitete die kreativen Gedanken. An Carla und Rike für den Rat und die Praxis.

Paul

Also stürzten wir uns in Carla Cerdas geladene Lässigkeit hinein. Ihre Loops sind Verwirrung und Ekstase im einen – ein Ort unendlicher Referenzen und sprachlicher Ereignisse, welche mit Virtuosität miteinander verwoben wurden. Ein abenteuerlich-ästhetisches Unterfangen für alle Übersetzer*innen, in welchen die eigene Vorstellungskraft und Wortfindung an ihre Grenzen gebracht werden. Nicht zu Unrecht heißt es am Anfang der Loops: Please note that you are responsible for your own safety when you join this tour. Wie wahr dieser Satz eigentlich ist, wenn ich zurückschaue und ich diese Zeilen schreibe – mein Innerstes ist immer noch aufgeregt, wie ein Kind, das zum ersten Mal ein fliegendes Flugzeug an sich vorbeifliegen sieht – maximal verwirrt und fasziniert zugleich.

Lauter Loops – Der Beitrag unserer Studierenden