Werk – La terrible esperanza klärt in drei Essays anhand von Testimonial- und Forschungsliteratur über die politische Gewalt in Argentinien auf. Verortet in den 60er und 70er Jahren gibt das Werk vielfältige Einsichten in die Struktur von Widerständen. Eine vertiefte Auseinandersetzung mit feministischen und politischen Bewegungen schafft eine kritische Reflektion von Monopolen im Diskurs um die argentinische Erinnerungskultur.

Werk

• Eclipse Parcial. Buenos Aires, Simurg, 1999
• El Opus Dei y la restauración católica. Le Monde
diplomatique edición Cono Sur, septiembre 2002.
• Mujeres, entre la globalización y la guerra santa. Le
Monde diplomatique edición Cono Sur, julio de 2003.
• En nombre de la vida, Católicas por el derecho a
decidir. Córdoba 2005.
• Grietas en el silencio. Una investigación sobre la
violencia sexual en el marco de la represión ilegal,
Rosario, CLADEM, 2011.

Filme/ Werke zu ähnlichen Themen

• Cambio de armas (1982) von Luisa Valenzuela
• Mujeres por la Memoria (2021) von Angela Pradelli et al.
• Argentina, 1985 (2022) von Santiago Mitr

Vita – Marta Vasallo ist in Argentinien geboren. Sie ist Journalistin, Dozentin, Dichterin, Künstlerin und Übersetzerin. Aufgrund ihres Aktivismus wurde sie während Argentiniens Diktatur verfolgt und floh von 1973 bis 1978 ins Exil nach Spanien. Ihren Abschluss in moderner Literatur absolvierte sie an der Universidad de Buenos Aires, wo sie zudem Seminare leitete. Für argentinische Zeitungen wie El Clarín oder die Nachrichtenagentur Reuters gab sie Journalismuskurse. Von 2009 bis 2008 arbeitete sie als Journalistin für Le monde diplomatique edición cono sur. Neben ihren Sammelwerken und Monografien hat Marta Vasallo zahlreiche Artikel veröffentlicht. Zentrale Themen sind dabei der Widerstand gegen Argentiniens Diktatur, geschlechtsspezifische
Gewalt und reproduktive Rechte von Frauen.
Werk – Marta Vasallos Sachbuch leistet einen wichtigen Beitrag für nicht-westliche Perspektiven in den Sozialwissenschaften. Feministische Bewegungen in Lateinamerika sind heute immer noch von hoher Relevanz. Auch Deutschland muss die Aufarbeitung einer Diktatur geleistet werden. Das Buch bezieht Stellung zu Erinnerungskultur und der Verarbeitung historischer Verbrechen. Es regt zum Nachdenken und Reflektieren an und stellt eine Bereicherung für den deutschen Buchmarkt dar.

Leseprobe – Erstellt und übersetzt von Amelie Roßmüller im Mentorat mit der Übersetzerin Lea Hübner

Deutsche Übersetzung


III.

Grenzgängerinnen im doppelten Sinne

Die Analysen der Teilnahme von Frauen am militanten Aktivismus sowie im Besonderen ihrer Partizipation in militärischen und politischen Organisationen der 70er Jahre in Argentinien sind innerhalb der sonst sehr reichhaltigen Wissensproduktion bezogen auf diese Epoche nur spärlich vorhanden. Der Großteil der vorhandenen Informationen basiert dabei auf Testimonialliteratur (1). Studien zu dieser Zeit reichen von Anklage bis Rechtfertigung, umgehen aber jegliche Auseinandersetzung mit den Spezifika des weiblichen Widerstandes.

In Argentinien lässt sich nichts finden, dass sich mit dem vergleichen ließe, was zum Beispiel Organisationen wie die salvadorianischen Las Dignas (Asociación de Mujeres por la Dignidad y la Vida) oder die Frauen der Nationalen Befreiungsfront Farabundo Martí durch- lebt haben: nach den Friedensverträgen von 1992 engagierten sie sich sozial und zivil und evaluierten ihre Partizipation bei der Guerilla als bekennende Feministinnen. Dabei stellen sie einen fortbestehenden Machismo fest. Einerseits in der Zuteilung der Aufgaben, bei welcher die Frauen der „Unterstützung“ der Aufständischen dienten, oft in der Rolle von Kindermäd- chen, genauso wie in den militärischen Strukturen, innerhalb derer es Frauen ungeachtet ihrer Fähigkeiten erschwert wurde, hohe Ränge zu erreichen. Gleichzeitig wurde Verhütung als reine Frauensache betrachtet, und bekamen Aktivistinnen Kinder, mussten sie diese in die Obhut anderer Frauen geben, ob verwandt oder nicht, Hauptsache sie befanden sich außerhalb des bewaffneten Konflikts. Mitgefühl, für den Schmerz und die Konflikte, die daraus resultier- ten, gab es nicht im Geringsten. Des Weiteren wurden die Frauen nach ihrer Rückkehr aus dem Kampf mit sozialer und familiärer Ausgrenzung konfrontiert. Sie wurden dafür sanktio- niert, ihre Kinder zurückgelassen zu haben, während die Väter eben dieser Kinder als Helden der Revolution gefeiert wurden. Die vorangegangene Beschreibung jener Unwägbarkeiten, die die Partizipation der Frauen bei der Guerilla mit sich brachte, hat viele Merkmale mit dem gemein, was von den Frauen mitgeteilt wurde, die in anderen Ländern Zentralamerikas sowie Kolumbien, Peru oder Bolivien, vergleichbare Situationen durchleben beziehungsweise durchlebten.

Mit all diesen Feststellungen geht allerdings auch einher, dass sich mit der Militanz der Frauen bei ihnen selbst die Wahrnehmung der eigenen Fähigkeiten, Rollen und ihres Lebens drastisch veränderten. Vielfach handelte es sich dabei um konjunkturelle Veränderungen, die oft nur übergangsweise waren und außerdem eng an ihre aktive Teilnahme in den Guerillas geknüpft war. Sobald die Frauen zurückkehrten, nahmen viele von ihnen wieder sehr traditionelle Rollen ein, da diese ihnen oft dazu verhalfen, wieder in ihren Gemeinschaften akzeptiert zu werden. In anderen Fällen, wie beispielsweise bei den Aktivistinnen der Dignas, führten die in der Militanz gemachten Erfahrungen zu einem Neuentwurf ihrer Rolle und Position in einer Gesellschaft der Zukunft bei der gleichzeitigen Auseinandersetzung mit ihrer militärischen Vergangenheit, und zwar nicht in selbstgefälliger Manier sondern in der Anerkennung jener Erfahrung als Ausgangspunkt für die weitere Entwicklung.

Feministinnen vs. Aktivistinnen

Nun versuche ich die Unterschiede zu Argentinien zu erläutern: der Feminismus und die Frauenbewegung nahmen dort 1984 an Fahrt auf, in einem Jahrzehnt, das von einer Wertschät- zung der institutionellen Demokratiegeprägt war, einer Wertschätzung, die im Zeichen des Alfonsinismus7 stand. Die Theorie der zwei Dämonen8, war nicht der geeignetste Rahmen, an die 70er Jahre anzuknüpfen, die den Verwirrungen einer einzigen, düsteren Nacht des Horrors glichen. Kurz gesagt, die wichtigsten Achsen des argentinischen Feminismus in seiner Ent- wicklung der letzten 25 Jahre repräsentieren zwei gegensätzliche Strömungen besonders deutlich: zum einen die sogenannten „Autonomen“, zum anderen die sogenannten „Instituti- onellen“, die beide eine ganz unterschiedlich begründete Ablehnung dieser Vergangenheit eint. Die Autonomen, die radikale Positionen vertraten, führten in den 90er Jahren die Opposition gegen offizielle feministische Amtsträgerinnen, die wiederum in internationalen Gremien, die von der UNO bis über die OSA hin zur Weltbank reichten, eingebunden waren. Dabei handelte es sich um eine Opposition, die sich auch auf nahezu alle Nichtregierungsor- ganisationen bezog. Ihre Ablehnung der gesamten patriarchalen politischen Praxis wandte sich gegen alle Sektoren der Politik mitsamt ihren Methodologien, damit schlossen sie auch die politischen und militärischen Organisationen der 70er Jahre ein.

Die „Institutionellen“, die den Strukturen der Radikalen Bürgerunion (Unión Cívica Ra- dical) entstammten, etablierten sich innerhalb der Strukturen einer repräsentativen Demokra- tie, begründet in ihrer Ablehnung der nahen Vergangenheit, egal ob als Putsch oder Aufstand betrachtet, und einhergehend mit einer stark antiperonistischen Haltung.

Was den Peronismus betrifft, ist sein Verhältnis zur feministischen Militanz gekennzeichnet durch die allgemein bekannte Ambiguität der Figur von María Eva Duarte de Perón, bekannt als Eva Perón. Der Kult um sie, der zeitweise Züge von Heiligenverehrung annahm, kann als Anlass zur Verbesserung der Stellung der Frau in der Gesellschaft betrachtet werden – das Wahlrecht für Frauen, die politische Teilhabe, die Integration in die Arbeitswelt und ihre Rechte – oder aber als eine Art und Weise, den unübertrefflichen Charakter von Eva Perón so zu verehren, dass infolgedessen andere Frauen in ihrem Schatten verschwanden. Es konnte gezeigt werden, wie der besagte Kult die Analyse des Phänomens der Arbeiterinnen als Schlüsselfiguren in der peronistischen Bewegung sowie auch eine beständigere Übertragung dieser Erfahrung auf die Weiterentwicklung des Peronismus verhinderte (2). Adressiert als Mütter und Ehefrauen, fühlten sich die Frauen, unabhängig von ihrer Loyalität gegenüber Perón oder davon, ob sie Unidades Básicas besuchten, in der wirtschaftlichen Unabhängigkeit und ihrer Teilhabe an der Berufs- und Arbeitswelt, auf sozialer und politischer Ebene befördert. Andererseits führte ebenjene Eva Perón, die das Heim verherrlichte, kein vorbildhaft häusliches Lebens. Mit fünfzehn Jahren war sie bereits von zuhause weggezogen und erkämpfte sich ihren Platz als Schauspielerin noch bevor sie Peróns Frau wurde und ihn heiratete. Institutionen wie Kirche und Armee lehnten ihre Person stets ab und der gesamte Antiperonismus, von der Linken bis hin zur Oligarchie, bezeichnete sie systematisch als Prostituierte.

Es stellt sich die Frage: Was nahmen die Arbeiterinnen, die weiblichen Hausangestell- ten, die Hausfrauen in den proletarischen Haushalten mit, wenn Eva Perón eine Ansprache hielt? Die Botschaft ihrer Worte oder die Ausstrahlung einer kühnen Frau, die unbeirrt von der Meinung anderer, in einer ihr feindlich gesinnten Welt den eigenen Visionen nachging?

Marta Zabaleta hat in ihrer Doktorarbeit, in der sie entgegen der Vorstellung eines Wert- konservatismus der lateinamerikanischen Frauen argumentiert, welcher in ihrer Zustimmung zum Peronismus sichtbar werde, den Prozess der Zustimmung und Identifikation der Haus- frauen der unteren Klassen, der Hausangestellten und der Arbeiterinnen mit Evitas Stimme dargelegt, die sie in ihren Reden im Radio hörten, dieselbe Stimme, die sie ein paar Jahre zuvor in den regelmäßigen Hörspielsendungen im Radio in den Bann gezogen hatte, welchen sie zuhause und auf der Arbeit lauschten. „Für den Großteil dieser Frauen [Hausfrauen in ar- men Haushalten, Hausangestellten] ist [Eva Perón] als Stimme in ihr Leben eingetreten (3).

In den 80er Jahren kam es zu einer Erneuerung innerhalb des politischen Systems in Argentinien. Der Peronismus, der bei den Wahlen verloren hatte, hatte sich innerhalb der Kon- kurrenz einer liberalen Demokratie erst spät und gezwungenermaßen Praktiken politischer Or- ganisation, wie sie für eine Partei typisch sind, angeeignet, da er, durch seine Identifikation als Bewegung, nie eine Partei hatte sein wollen. Die Zeitschrift Unidos demonstriert, dass die pe- ronistische Erneuerung einerseits die Option des bewaffneten Kampfes ablehnt, die Sektoren der peronistischen Partei im letzten Jahrzehnt verfolgten, andererseits die Frage der Beteili- gung der Frauen in ihrer Selbstkritik an der Vergangenheit ignoriert. Eine Gruppe von Frauen, welche die weiblichen Version Unidas 1987 hervorbrachte, wurde damit allein gelassen und die Initiative war nur von geringer Dauer (drei Ausgaben).

Es muss auch hervorgehoben werden, dass selbst wenn es innerhalb des Feminismus viele Frauen gab, die in jenen Jahren politisch militant gewesen sind, diese zwei Etappen ihrer Leben voneinander getrennt blieben, es wurde keine Anstrengung unternommen, zumindest keine ersichtliche, ihre Beweggründe für die eine mit denen für die andere Militanz zu ver- knüpfen. Aussagen, die publik wurden, bringen die Ablehnung der gesamten Vergangenheit zum Ausdruck. Bei denjenigen, die sich nicht dieser offiziellen Ablehnung beugten, ergab sich in gewisser Weise ein Konflikt zwischen ihrer Loyalität gegenüber ihrer militärischen Vergan- genheit und der gegenüber den feministischen Gruppierungen. Andererseits hielten einige Frauen, die militant aktiv waren, an derselben Ablehnung fest, wenn es darum ging, die Spe- zifik des weiblichen Kampfes so zu berücksichtigen, wie sie es während ihrer Militanz getan hatten.

Endnoten:

(1) Fall aus dem Buch Mujeres Guerilleras, geschrieben von Marta Diana, Booket, Buenos Aires, 1996; mit Artikel, die zum bewaffneten Kampf veröffentlicht sind wie „Moral y política en la praxis militante“ de Ana Guglielmucci (in Lucha Armada, Jahr 2, Nummer 2, Feb-März-Apr 2006) oder „Vida cotidiana en la cárcel de Villa Devoto“ de la misma autora (Lucha Armada, Jahr 2, Nummer 7 2006).

(2) Norma Sanchíz und Susana Bianchi, 1987, “Eva Perón-Mujeres peronistas: Un anális de las propuestas del peronismo a las mujeres”, in Unidos mujer.

(3) Im Originalzitat wird von Eva Duarte gesprochen, zum besseren Verständnis der Lesenden wurde sich in der deutschen Version für die einheitliche Verwendung von Eva Perón entschieden. Marta R. Zabaleta, 2000 Feminine Sterotypies and Roles in Theory and Practices in Argentina Before and After the First Lady Eva Perón, The Edwin Mellen Press, New York.


Steckbrief und Übersetzung von Amelie Roßmüller im Mentorat mit der Übersetzerin Lea Hübner

Beiträge zur spanischsprachigen Literatur

Beiträge zu anderen romanischen Sprachen

Das Projekt


Bildquelle

Marta Vasallo – https://indiehoy.com/libros/la-izquierda-deberia-reinventarse-entrevista-a-marta-vassallo/

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