WerkLa buona educazione ist ein autobiografischer Roman über das Unausgesprochene in einer konfliktreichen Mutter-Tochter-Beziehung. Antonella ist besessen von guten Manieren und lässt dadurch ihre Tochter Lisa sich bei vielen Dingen falsch fühlen. Die wichtigste Lektion, die sie ihrer Tochter mit auf den Weg gibt, besteht darin, sich immer als brave junge Dame zu zeigen, auch wenn sie dafür ihre Gefühle unterdrücken muss. Es ist die Geschichte über die Krankheit von Antonella, nicht so, wie sie sich tatsächlich zugetragen hat, sondern so, wie sich Lisa an sie erinnert. Denn nur durch die schmerzhaften Rückblenden kann sie sich endgültig von ihrer Mutter verabschieden und ihr Leben weiterleben.
Ein sehr auffälliges Merkmal dieses Buches ist die Erzählperspektive. Es handelt sich hier um einen autobiografischen Roman, der in der dritten Person geschrieben ist. Die Geschichte über die Krankheit von Antonella wird aus Lisas Sicht erzählt, jedoch entsteht hier nicht wie bei einem Ich-Erzähler eine gewisse Intimität beziehungsweise engere Verbundenheit zum Protagonisten.
Zudem werden die einzelnen Erinnerungen von Lisa nicht chronologisch erzählt, sondern nach Themen in einzelne Kapitel unterteilt. Dies lässt die schmerzhaften Rückblenden von Lisa realer wirken. Wenn wir uns eine Erinnerung ins Gedächtnis rufen, passiert es sehr häufig, dass uns plötzlich eine andere in den Sinn kommt, die vielleicht zeitlich weit entfernt ist, aber irgendwie an die erste erinnert, an die wir gedacht hatten.
Durch den Schreibstil der Autorin wirkt es nochmals realer, dass wir uns in den Erinnerungen von Lisa befinden, denn es treten häufig lange und oft verwirrende Sätze auf.
Das Thema diese Buches ist, wie der Buchtitel bereits verrät, die gute Erziehung. Erziehung ist ein fundamentaler Bestandteil des Lebens von jedem. Schon von klein auf versuchen Eltern ihre Kinder gut zu erziehen. Aus diesem Grund gibt es eine Vielzahl an Erziehungsratgebern, Kinderbüchern und sogar Romanen, die dieses Thema behandeln. Dabei spielt es keine Rolle, ob wir uns in Deutschland oder in Italien befinden.

VITA – Alice Bignardi wurde in Rom geboren und lebt zurzeit in Mailand, wo sie für eine Kommunikationsagentur schreibt und mit vier Freunden in der Kulturvereinigung Seal Factory arbeitet. Während ihrer Schulzeit machte sie einen interkulturellen Austausch in Kanada. 2013 schloss sie ihren Bachelor in Betriebswirtschaft und Management ab und begann Wirtschaft und Management des kulturellen Erbes im Master zu studieren. 2015 schloss sie auch diesen erfolgreich ab. Seitdem arbeitet Alice in einer Kommunikationsagentur und veröffentlichte 2022 ihr Debütroman La buona educazione.
WERK – Auf der einen Seite würde es sich lohnen dieses Werk ins Deutsche zu übersetzen, da die Belletristik auf dem deutschen Buchmarkt weiterhin die stärkste Kraft ist. Im Jahr 2021 stand sie mit einem Umsatzanteil von 31,9 Prozent an der Spitze des Buchhandels.
Auf der anderen Seite würde es sich lohnen, weil diese Werk eine sehr wichtige Botschaft vermittelt: Lass dir von niemanden etwas gefallen! Ein jeder von uns ist auf seine Art und Weise etwas Besonderes. Niemand sollte sich verändern oder seine Persönlichkeit unterdrücken müssen, nur weil jemand anderes meint man sei nicht gut genug.
Zudem ist das Buch aus Sicht des Kindes (hier der Tochter) geschrieben und gibt dem Leser so eine ganz neue Perspektive in Bezug auf das Thema gute Manieren und gute Erziehung. Die meisten Bücher aus diesem Themengebiet werden nämlich von Eltern geschrieben, die ihre Erfahrung bezüglich Kindererziehung teilen und gegebenenfalls den Lesern Ratschläge geben. In La buona educazione ist es jedoch andersrum. Lisa teilt mit den Lesern ihre Erinnerungen an ihre Mutter und deren strikten Erziehungsmaßnahmen. Sie gibt niemanden direkt Ratschläge, jedoch entsteht schon beim alleinigen Lesen ein Lerneffekt. Denn um eine gute Erziehung zu erreichen, ist es wichtig auch die Sicht und die Gefühle des Kindes zu beachten. Die Eltern sollten versuchen ihre Kinder zu verstehen. Ansonsten werden sie nur für einen bestimmten Zeitraum Erfolg haben, bis es zur Rebellion der Kinder kommt.

Leseprobe – Erstellt und übersetzt von Lena Hering im Mentorat mit der Übersetzerin Dr. Ulrike Schimming

Deutsche Übersetzung


2. DIE WURZELN DES UNBEHAGENS

Ihre einzigartige Mutter war eine Person mit merkwürdigem, aber schönem Gesicht. Sie war ihrer Schwester eine andere Mutter, ihrem Bruder wiederum eine andere und ihrem Vater eindeutig eine vollkommen andere Ehefrau.

Jedes Mal, wenn Lisa über diese Unterschiede nachdachte, fragte sie sich: „Wie sehr kann sich eine Person auf dem Weg von einem Zimmer zum nächsten verändern?“ Sie erinnert sich an den Tag der Beerdigung. Gegen Abend waren nur noch ein Stapel fettiger Auflaufformen auf der Arbeitsfläche und das Gefühl übriggeblieben, dass bei einem seltsamen Streit über die moralische Rechtschaffenheit von Mutter Teresa von Kalkutta nur Floskeln verwendet worden waren. Da sagte der Vater zu Lisa, dass es nicht so schlimm wäre, wenn Mutters Geist im Haus herumspuken würde. Beide dachten jedoch unterschiedlich über die Mutter.

Wie stark unterschieden sich Lisas Erinnerung und die ihres Vaters an die Mutter in Wirklichkeit? Und doch handelte es sich um ein und dieselbe Person, um ein und dieselbe Familie. Sie versuchte, ihr Verhältnis zur Mutter mit den übrigen Familienmitgliedern zu vergleichen. Für sie eine allumfassende Beziehung, die ihr ebenso unangemessen erschienen sein musste wie den anderen, ihrem Bruder und vor allem ihrer Schwester. Eine Frage nach der anderen kamen ihr in den Kopf. An diesem Tag dachte Lisa vor allem an den Schmerz der anderen, an die verschiedenen Arten der Liebe, die sie der Mutter zu Lebzeiten gewünscht hatten, und an das, was diese ihnen zurückgegeben hatte. Lisa korrigierte sich. Die individuelle Liebe kam von der Mutter. Sie selbst, ihr Vater und ihre Geschwister haben sie lediglich erwidert.

Das war nicht dasselbe.

Im Gegensatz zu ihnen, konnte Lisa beispielsweise nicht glauben, dass die Mutter immer nur das Beste für sie wollte, oder zumindest glaubte sie kaum, dass dieser Wunsch immer der stärkste von ihr war. Manchmal, so dachte sie, wollte die Mutter sie einfach nur erwürgen. Andere Male wünschte sie, Lisa sei anders. Jeder hätte ihr gesagt, dass dies nicht der Fall war, dass ihre Mutter sie mehr als alles andere auf der Welt liebte, genau so, wie sie war; aber niemand konnte ihre Erinnerung löschen, bei der die Mutter sie zumindest einmal beobachtete, während sie in ihrem Zimmer am Schreibtisch saß, ihr den Rücken zudrehte und so tat, als würde sie lernen, und sich wohl wünschte, die Tochter wäre etwas Besseres. Lisa hatte sich dementsprechend verhalten. Was fest steht ist, dass die Mutter ihr das Gefühl vermittelte, sich bei vielen Dingen falsch zu fühlen. Lisa fühlte sich sogar falsch, wenn sie ein großes Geschäft verrichtete.

Auf der Hälfte ihrer Grundschulzeit begannen ihre Verstopfungsprobleme. Wenn sich Lisa dann endlich, sagen wir, alle drei Tage, davon befreien konnte, stank ihr großes Geschäft über alle Maße. Bei solchen Gelegenheiten kam die Mutter regelmäßig, ohne zu klopfen rein, und begann mit ihren Pantomimen.

Mit einem Ruck zog sie ihre Schultern hoch, als wollte sie sich vor dem plötzlichen Schlag eines unsichtbaren Angreifers schützen. Dann kniff sie die Augen zusammen, als würde sie sich gegen den pestilenzartigen Furz eines Stinktiers wehren, hielt sich den Mund zu, um nicht das schädliche Gas einzuatmen, und stieß ein schrilles schon fast gesungenes „Puh“ aus, wobei sie krampfhaft mit der Hand vor der Nase wedelte. Alles sehr dramatisch.
So führte sie sich auf, und Lisa erinnert sich sehr gut daran, wie die Mutter sie mit weit aufgerissenen Augen ansah, während sie weiterhin auf der Toilette saß. Ehrlich gesagt, weiß sie nach so langer Zeit immer noch nicht, auf welchem Niveau der Demütigung sie sich dabei befand. Diese Inszenierung spielte sich jedes Mal in Lisas Kopf ab, wenn sie ins Bad ging. Es war egal, ob sie sich im kleinen Bad ihres Schlafzimmers verkroch (aber der Gestank wurde dort unerträglich) oder das große Bad benutzte.


Steckbrief und Übersetzung von Lena Hering im Mentorat mit der Übersetzerin Dr. Ulrike Schimming

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Das Projekt


Bildquelle:

Alice Binardi – https://www.lucialibri.it/2022/02/11/alice-bignardi-madri-mai-disamore/

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